Politisch nicht korrekt? = Verboten !

Jede Aufzeichnung wurde vernichtet oder verfälscht, jedes Buch überholt, jedes Bild übermalt, jedes Denkmal, jede Straße und jedes Gebäude umbenannt, jedes Datum geändert. Und dieses Verfahren geht von Tag zu Tag und von Minute zu Minute weiter. Die geschichtliche Entwicklung hat aufgehört. Es gibt nur noch eine unabsehbare Gegenwart, in der die Partei immer recht behält. Freilich weiß ich, daß die Vergangenheit gefälscht ist, aber ich könnte es niemals beweisen, sogar in den Fällen, wo ich die Fälschung selbst vorgenommen habe. Nachdem die Sache einmal getan ist, bleibt nie ein Beweisstück zurück. Der einzige Beweis lebt in meinem Geist, und ich habe nicht die geringste Gewißheit, daß auch nur ein einziger Mensch auf der Welt die gleiche Erinnerung hat. George Orwell 1984.

Der Filmklassiker “Vom Winde verweht” wurde vom Streamingdienst HBO wegen Rassismusvorwürfen aus dem Programm genommen und siehe da, bei Amazon wurde Vom Winde verweht daraufhin in den vergangenen Tagen zum absoluten Bestseller. So kann es gehen. Offensichtlich wollen sich die Bürger die freie Wahl ein Buch zu lesen oder einen Film anzuschauen nicht nehmen lassen. An diesem Film „Vom Winde verweht scheiden sich die Geister. Die einen nennen ihn einen Film voller Gewalt und triefendem Kitsch, die anderen lieben ihn gerade deshalb. Und dann ist da noch der Rassismusvorwurf, der den Oscar Film seit Jahren begleitet und nicht nur den Film, vor allem auch die Buchvorlage. Schon vor fünf Jahren und auch schon viel früher gab es die Diskussion wegen diesem Buch und Film, auch bei den Nazis übrigens.  Was darf der Mensch lesen, schauen oder sagen ? Je freier und kultivierter eine Gesellschaft, desto mehr geht man davon aus, dass der Bürger sich ein eigenes Bild machen kann und das konsumierte selbst auch einordnen kann. In Diktaturen allerdings funktioniert dies ganz anders, dort wird verboten und beschlagnahmt, denn ein freier, selbstdenkender Bürger könnte gefährlich sein und deshalb nimmt man ihm diese Möglichkeiten ab.

George Orwell hat es in seinem Buch 1984 so umschrieben:

»Mit dem Jahr 2050 – aber vermutlich schon früher – wird jede wirkliche Kenntnis der Altsprache verschwunden sein. Die gesamte Literatur der Vergangenheit wird vernichtet worden sein. Chaucer, Shakespeare, Milton, Byron wer-den nur noch in Neusprach-Fassungen vorhanden sein, und damit nicht einfach umgewandelt, sondern zu dem Gegenteil von dem verkehrt, was sie waren. Selbst die Parteiliteratur wird eine Wandlung erfahren. Sogar die Leitsätze werden anders lauten. Wie könnte ein Leitsatz wie ›Freiheit ist Sklaverei‹ bestehen bleiben, wenn der Begriff Freiheit aufgehoben ist? Das ganze Reich des Denkens wird anders sein. Es wird überhaupt kein Denken mehr geben – wenigstens was wir heute darunter verstehen. Streng-gläubigkeit bedeutet: nicht mehr denken – nicht mehr zu denken brauchen. Strenggläubigkeit ist Unkenntnis.«

Am 25. Juni 2015 gab es einen Artikel von Uwe Schmitt in der Welt: „ Charleston: Wird nun auch „Vom Winde verweht“ verboten? Jetzt wollen sie auch „Vom Winde verweht“ verbieten.

„Nach dem Massaker eines Rassisten in Charleston distanzieren sich Amerikas Südstaaten nicht nur von ihrer Flagge. Ein Filmkritiker fordert auch ein Verbot des Kinoklassikers „Vom Winde verweht“. Sie schimpfen ihn einen Heuchler, Marxisten, Geschichtsfälscher und überbieten einander mit abstrusen Szenarien, welche Filme indiziert würden, wenn Lou Lumenick seinen Willen bekäme: Der Filmkritiker der „New York Post“ muss gewusst haben, was ihm blühte, als er am 24. Juni verlangte, den Film „Vom Winde verweht“ auf dem Kehrichthaufen der Geschichte zu entsorgen. Gerne zusammen mit sämtlichen Kriegsflaggen der Konföderierten, die nach dem Kirchenmassaker eines jungen Weißen aus Rassenhass selbst bei Amerikas Rechten in Ungnade gefallen sind. „Gone with the Wind“ (1939) verharmlose die Sklaverei, argumentiert Lumenick, stilisiere Yankees und ihre Sympathisanten zu Schurken und verherrliche den Krieg der Südstaaten zum noblen Überlebenskampf in Notwehr. Der Mann hat natürlich Recht. Sein Befund ist unter aufgeklärten Filmliebhabern seit Langem unbestritten. Recht haben womöglich auch die Kritiker des Kritikers, die sich gegen eine Zensur von historischen Kunstwerken durch politische Korrektoren wenden. Sie wehrten sich gegen die Beförderung von „nigger“ zu „negro“ oder „black“ in „Huckleberry Finn“. In Deutschland kennen wir Vorstöße, zur Schonung schwacher Kinderherzen „Zehn kleine Negerlein“ zu vergessen oder Grimms Märchen ihren Schrecken auszutreiben.  Rassismus geheilt haben solche Denkverbote nie. Was nicht heißt, dass Lou Lumenicks Forderung völlig abwegig oder anmaßend wäre. Denn wahr ist, dass das im damals brandneuen Technicolor phantastisch verfilmte Melodrama „Gone with the Wind“ nach dem Roman der geständigen Südtstaatenapologetin Margaret Mitchell eine Tabuzone um sich errichtet hat. No touch, berühren und bedenken verboten. Ausgezeichnet mit seinerzeit beispiellosen acht Oscars, mit 1,6 Milliarden Dollar der erfolgreichste Film aller Zeiten in den USA, scheint er über jeden gesellschaftlichen Fortschritt erhaben. Als hätte es die Bürgerrechtsbewegung nie gegeben, verharrt „Gone with the Wind“ in einem heilen Schwarz-Weiß, in dem die einen nur als Diener, Pfleger und Eigentum der anderen vorstellbar waren. Die Nettesten, wie die mütterliche Mammy (Hattie McDaniel, die verdient den ersten Oscar für eine schwarze Schauspielerin gewann), wurden von anständigen Sklavenhaltern wie Vivien Leigh und Clark Gable pfleglich behandelt. Gerührt haben Generationen die lebenskluge Menschlichkeit einer Frau verfolgt, die nur gnadenhalber als Mensch galt. Der Produzent des Films David O. Seznick, ein linksliberaler Jude, hatte auf den Verzicht von nigger“ bestanden, „darkie“ aber gelten lassen. Erst 1996 verabreichte Warner Brothers, Besitzer von „Gone with the Wind“, der Blu-Ray-Fassung eine 26-Minuten-Dokumentation, in der Historiker den Film einordneten.Aufgebrachte Leser der „New York Post“ mokieren sich über ein Hollywood, das „Ben Hur“, „Star Wars“, „Spartacus“ und „Herr der Ringe“ wegen Verharmlosung von Sklaverei verbannen müsste. Doch es finden sich einfach keine Orks, die noch immer unter Rassismus von Sarumans Nachfahren zu leiden hätten. Was aber spräche dagegen, „Vom Winde veweht“ einen wohlformulierten Vorspann zu geben, der den Kontext von 1860 wie 1939 knapp skizziert. Gegengift und Packungsbeilage, die die Risiken und Nebenwirkungen beschreibt. Für uns. Schwarze brauchen sie nicht. Im Süden der USA demonstrieren hunderte Menschen für die Südstaatenflagge. Sie war nach dem rassistischen Attentat in Charleston an vielen Orten abgehängt worden. Vielen gilt sie als rassistisches Symbol. „

Vor fünf Jahren hat der Film noch überlebt, womöglich auch dank der Dokumentation die ihn einordnete, jetzt aber ist Schluss mit diesem Film und auch mit vielen anderen Filmen und Büchern. Sie sind nicht mehr politisch korrekt und müssen deshalb dem dummen Zuschauer und Leser weggenommen werden. Selber denken und womöglich sogar aufklären ist nicht mehr erwünscht, es zählt nur noch eine Meinung so scheint es. Am 11. Juni 2020 schreibt die gleiche Zeitung Die Welt:

Warum Selbstzensur nicht gegen Rassismus hilft. Ein Artikel von Hanns-Georg Rodek:

Ich verlange die Sperrung des Films „Wall Street“ mit Michael Douglas auf allen Internetportalen, weil er die Haltung „Gier ist gut“ glorifiziert, von der wir wissen, dass sie fatal für Gesellschaft und Umwelt ist. Ich dränge auf die Sperrung sämtlicher Karl-May-Filme mit Hadschi Halef Omar, weil sie die „Bekehrung“ des Beduinen vom Islam zum Christentum zeigen. Ich insistiere auf der Sperrung des John Wayne/John Ford-Klassikers „Der schwarze Falke“, weil er Indianer als hinterlistig und grausam zeigt. Ich erwarte die Sperrung des Emil-Jannings-Films „Robert Koch – Bekämpfer des Todes“, weil dessen Experimente an Afrikanern darin verschwiegen werden (ach ja, das Institut muss auch umbenannt werden). Ich beantrage die Sperrung sämtlicher Bond-Filme, weil der Titelheld sich unfähig zu menschlichem Zusammenleben zeigt. – Wie bitte? James Bond hat in dem kommenden Film eine fünfjährige Tochter, behaupten glaubwürdige Gerüchte! Dann hat er ja gerade noch einmal Glück gehabt. Mehr Glück als „Little Britain“, mehr Glück als „Vom Winde verweht“. Die Comedy-Serie aus den Nullerjahren ist gerade von Netflix und von der BBC aus ihrem Online-Angebot verbannt worden, der Hollywood-Klassiker wurde aus der HBO-Liste getilgt. „

Dann habe ich noch einen interessanten Artikel in der Süddeutschen gefunden, vom 2. Januar 2020:  Rassismus und Literatur: Als die Sklaverei im warmen Licht erstrahlte.

In einem eineinhalbjährigen Kraftakt haben Andreas Nohl und Liat Himmelheber Margaret Mitchells “Vom Winde verweht” neu übersetzt. Trotz der Neuinterpretation demonstriert das Werk immer noch die unterschiedlichen Geschwindigkeiten sozialen Fortschritts: Der Roman ist modern in der Frauenfrage und archaisch im Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß.  Eine neue Übersetzung ist wie eine neue Liebe, eine zweite Chance, die das Original nicht hat. Sie kann einen Text straffen und verjüngen. Aber sie schafft kein neues Buch. Und wenn ein Werk sich 30 Millionen Mal verkauft hat, fragt man sich: Warum sollte sie auch? “Gone with the Wind”, geschrieben von einer unbekannten Journalistin aus Atlanta, erschien 1936 und erreichte innerhalb von sechs Monaten eine Auflage von einer Million Exemplaren. Der Roman wurde in 37 Länder verkauft, die Verfasserin Margaret Mitchell bekam den Pulitzerpreis, und spätestens nach der Verfilmung mit Clark Gable und Vivien Leigh war das Südstaatendrama der Goldstandard für die Durchschlagskraft historischer Mythen. Die Heldin Scarlett O’Hara mit der legendären 17-Zoll-Taille und ihr zum Platzen viriler Galan Rhett Butler, die welpenhafte Melanie und der anämische Schöngeist Ashley fanden mit der gesamten sklavereigestützten Feudalherrlichkeit so umstandslos den Weg ins kollektive Bewusstsein, dass es schien, als habe man diese Figuren und Geschichten immer schon gekannt, als sei der Süden so und nicht anders untergegangen. Wenn je ein Buch den totalen Charakter von Populärkultur bezeugte, dann dieses. Schon Nathaniel Hawthorne, Autor von “Der scharlachrote Buchstabe”, hatte gequengelt, “ein verfluchter Mob kritzelnder Frauen” dränge ihn vom Markt. William Faulkners Bürgerkriegsepos “Absalom, Absalom” erschien wenige Monate nach “Gone with the Wind”, verkaufte nur ein paar Tausend Exemplare und verschwand dann aus den Regalen. Die literarische Moderne mit James Joyce und John Dos Passos – experimentell und schwer lesbar – wurde von einem frivolen Schinken über eine Southern Bitch in Korsett und Tournüre überstrahlt. Auch die Nazis waren nicht glücklich. Zwar lag “Vom Winde verweht” bereits 1937 auf Deutsch vor. Aber dann ging den Faschisten auf, dass das Buch vor allem deshalb so populär war, weil der literarische Kampf gegen die Yankees den antifaschistischen Widerstand beflügelte. Von 1941 an war “Vom Winde verweht” verboten. Nach dem Krieg aber lag Deutschland in Trümmern wie der alte Süden, war besiegt, besetzt, belastet mit einem Menschheitsverbrechen. Da versprach “Vom Winde verweht” Trost und Hoffnung. Aber ist das nicht alles sehr lange her? Der Süden wurde längst von anderen Autoren beschrieben – Carson McCullers, Harper Lee, Colson Whitehead. Sind über tausend Seiten flatternde Wimpern und lachende Sklaven nicht aus der Zeit gefallen? Nicht für Andreas Nohl. In einem eineinhalbjährigen Kraftakt haben er und seine Frau, die Opernsängerin Liat Himmelheber, das Buch neu übersetzt. Er kann dafür gute Gründe nennen. Ein Foto Margaret Mitchells beispielsweise, auf dem sie so schön und so streng blickte, dass es so gar nicht zu dem vermeintlichen Kitsch ihres Werkes passte. Dazu ihr früher Tod: Mitchell wurde 1949 mit nur 48 Jahren in Atlanta von einem betrunkenen Taxifahrer überfahren, eben dort, wo Scarlett litt und liebte. Zufall? Der Ku-Klux-Klan? Nohl forschte und entdeckte “eines der größten Werke der Weltunterhaltungsliteratur”, einen Antikriegsroman aus weiblicher Perspektive. Mitchells Werk, so Nohl, war der Versuch einer literarischen Selbstidentifikation in einem Land, das sich nach dem großen, umfassenden Roman sehnte, der “Great American Novel”. Es umfasste Vorkriegsjahre, Bürgerkrieg und die für den Süden so demütigende Zeit der “Reconstruction”, fügte alles zu einem so tiefenscharfen Epochengemälde zusammen, dass Nohl das Werk – wirkungsgeschichtlich, nicht literarisch – in einem Atemzug mit Lew Tolstois “Krieg und Frieden” nennt. Nohl hat mit seiner Frau Jugendbücher übersetzt und selbst Mark Twain, Rudyard Kipling und Bram Stoker übertragen. Die Neuübersetzung “eines der verkanntesten Bücher der Weltliteratur”, wie er im Nachwort schreibt, war seine Idee (Kunstmann, München, 2020, 1400 Seiten, 38 Euro). Die erste Übersetzung hatte der deutsch-britische Schriftsteller Martin Beheim-Schwarzbach angefertigt, er war ein Schachexperte, der selbst mystische Romane schrieb und im Krieg nach London emigrierte. Er hatte nur ein Jahr Zeit, war allein, und daran liegt es womöglich, dass er manches ausließ, was Nohl und Himmelheber wieder einfügten.Viel entscheidender aber war, dass Beheim-Schwarzbach zwar wie Mitchell im Jahr 1900 geboren war, aber einen ganz anderen Stil pflegte, einen blumig-neoromantischen mit “Herzliebchen”, “Püppchen” und vielen angehängten “e” wie im Titel. Mitchell aber war Journalistin, Tochter einer Suffragette aus einer alten Südstaatenfamilie, Jazz-Baby. Zwischenzeitlich war sie mit fünf Männern verlobt und wahrscheinlich sammelte sie Pornos. Sie konnte wenig mit der repressiven Idealisierung der Südstaatenfrauen anfangen, das zeigte schon ihre Protagonistin: Scarlett O’Hara war eine erfolgreiche Geschäftsfrau, dreimal verheiratet, pragmatisch, unideologisch, unkaputtbar. Dabei hatte Mitchell sie als abschreckende Figur gemeint, und sie war fassungslos, als Millionen Frauen ihre Heldin vergötterten, als hätten sie nicht gemerkt, “dass Scarlett frigid ist”. Aber auch Mitchells Erzählstimme war voller Bissigkeiten, wenn sie Scarletts Lebenshunger als soziale Anomalie beschrieb, denn “zu keiner Zeit, weder vorher noch nachher, legte man so wenig Wert auf weibliche Natürlichkeit”, oder wenn sie die Empörung von Scarletts Gatten über ihren geschäftlichen Erfolg mit den Worten kommentierte: “Dazu kam die übliche männliche Enttäuschung darüber, dass eine Frau über ein Gehirn verfügt.” Für die sachlich-spöttische Mitchell finden die Übersetzer eine schlanke und elastische Sprache, sie erhält die enorme Zugänglichkeit des Buches und den rauschhaften Sog der Erzählung, ohne die Brutalität des Krieges und des Geschlechterkampfes zu mildern. Nohl und Himmelheber schaffen schöne neue Ausdrücke. Den offenbar erfundenen Ausruf “God’s Nightgown” übersetzen sie als “Herrgott im Nachtgewand”, wo Beheim-Schwarzbach noch auf “Heiliger Strohsack” zurückgriff. So könnte “Vom Wind verweht” ohne “e” im Titel ein rundum gelungener Lesespaß sein, wenn Mitchell der Sklaverei gegenüber nur halb so viel Distanz an den Tag gelegt hätte wie gegenüber der Unterdrückung der Frau. Liat Himmelheber habe ihn vor der rassistischen Kontaminierung gewarnt, sagt Nohl, aber er sei nach wie vor der Überzeugung, dass “Gone with the Wind” ein “Roman über Rassisten in einer rassistischen Zeit” sei, “aber kein rassistisches Buch”. Den alltäglichen Rassismus habe man entfernt, mehr von Mitchells Buch zu verlangen, hieße, etwas retrospektiv hinein zu “visionieren”, was nie ihr Thema war, und das sei “historischer Blödsinn”. Nun, Nohl und Himmelheber haben ihr Bestes getan. Aus “rollenden Augen” und “Wulstlippen” wurden aufgerissene Augen und volle Lippen. Das entwürdigende Radebrechen der Schwarzen – “Ich nicht wissen, was machen” – verwandelten sie in einen verschliffenen Slang: “Ich wusst überhaupt nicht, was ich machen sollt.” Statt “Neger” schreiben sie “Sklave” oder “Schwarzer”, manchmal bleiben sie auch beim klebrig-infantilen “Darky” des Originals. “Nigger” blieb nur übrig, wenn es von eindeutigen Rassisten gebraucht wurde – oder von den Schwarzen selbst. Gestrichen wurde nur ein Vergleich von Scarletts Haushälterin Mammy mit einem Affen. Margaret Mitchell war mit dem aggressiv rassistischen Schwulst von Autoren wie Thomas Dixon aufgewachsen, dessen Buch “The Clansman” die Vorlage für den White-Supremacy-Film “Birth of a Nation” geliefert hatte. Dass sie Standardmotive wie die Vergewaltigung weißer Frauen durch befreite Schwarze umdeutete – im Buch wird Scarlett von einem Weißen überfallen und ein Schwarzer rettet sie – wertet Nohl als literarische Emanzipation. Und doch. Und doch ist es ein rassistisches Buch. Denn es ist ja nicht so, als sei die Sklaverei nicht ihr Thema gewesen, wie frühere Verteidiger ihr zugutehielten. Sie behandelt sie lediglich auf jene verführerische Weise, die Toni Morrison “Romancing Slavery” genannt hat. Während der geschlagene Süden die Rassentrennung gerade gesetzlich verankerte, nahm Mitchells Buch den Weißen alle Schuldgefühle. Die Sklaverei strahlt im warmen Licht einer idealen Gemeinschaft. Mammy, Pork und die anderen Sklaven wissen die Geborgenheit und Fürsorge der weißen Besitzer zu schätzen und fürchten nichts so sehr wie die Yankees. “Die Besseren unter ihnen verschmähten ihre Freiheit und litten genauso wie ihre weiße Herrschaft”, schreibt Mitchell. Es gibt keine Vergewaltigung einer Schwarzen durch einen Weißen in ihrem Buch, keine Grausamkeiten gegen Schwarze und keinen glücklichen Ex-Sklaven. An der Universität hatte Mitchell ein Geschichtsseminar verlassen, weil ein schwarzer Kommilitone teilnahm, später finanzierte sie Stipendien für afroamerikanische Studenten. Das spricht für eine Entwicklung. Aber der Ku-Klux-Klan kommt in ihrem Buch nicht deshalb schlecht weg, weil Lynchmorde an Schwarzen abzulehnen wären, sondern weil er die Yankees gegen die weißen Südstaatler aufbrachte. Schwarze Intellektuelle wie Hilton Als lesen Mitchells Buch längst als Quelle, um zu begreifen, wie “rassistische Fantasien” entstehen. Ta-Nehisi Coates hat den Bürgerkrieg als nationale Tragödie gleich ganz erledigt. Er sei ein weißes Trauma, für die Schwarzen war er eine Erlösung. “Vom Wind verweht” demonstriert wunderbar die unterschiedlichen Geschwindigkeiten sozialen Fortschritts, ist modern in der Frauenfrage und archaisch im Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß.“

In Scarlett O’Hara hat Margaret Mitchell eine Heldin geschaffen, die nicht nur ur-amerikanische Werte wie Pragmatismus und Konsumfreude verkörpert, sondern Amerika selbst. Darin, dass Scarlett den Übergang vom Südstaaten-Feudalismus zum Yankee-Kapitalismus meistert und eine weiblich Empfangende ist wie Lady Liberty und das junge Einwanderungsland selbst, sieht Andreas Nohl den Gedanken angedeutet, Amerika selbst sei womöglich eine Frau. Falls das so ist, dann wäre Amerika eine Weiße.

Verboten werden sollten auch die Bücher und Filme von Rosamunde Pilcher, darin gibt es fast ausschließlich hellhäutige Darsteller und das Frauenbild ist teilweise mehr als fraglich. Auch der Film Grease sollte verboten werden, er verherrlicht Bandenkriege. Die Liste ist unendlich lang. Leider verkaufen sich Bücher und Filme mit kontroversen Handlungen meist besser als hundert prozentig politisch korrekte Filme und welcher Film ist schon politisch korrekt ? Das ist auch immer eine Frage der historischen Einordnung. Der neue Disney Film Malificent 2 ist mit Sicherheit politisch korrekt, allerdings kommt die zukünftige Schwiegermutter Ingrith in dem Film gar nicht gut weg – sie ist eine böse, weiss ältere Frau. Das ist womöglich diskriminierend gegenüber den Schwiegermüttern dieser Welt. Also bitte sofort verbieten ! Die Darsteller der Serie Friends haben bereits mitgeteilt: Eine solche Zusammenstellung der Friends würde es heute nicht geben, heute wären es ganz andere Friends. Hier wird versucht eine Wirklichkeit darzustellen, die es so nicht gibt und noch etwas: „All lives matter“.

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